Am 1. Juli 2026 hielt Professor Dr. Georg Cremer, Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes und Mitglied der Alterssicherungskommission der Bundesregierung die 7. LEF Academy-Vorlesung.
Thema: Mythen, Halbwahrheiten und Fakten zum deutschen Sozialstaat
Prof. Dr. Georg Cremer plädiert für eine sachliche Debatte über den Sozialstaat. Er kritisiert, dass die öffentliche Diskussion häufig von Mythen und ideologischen Positionen geprägt sei, während empirische Fakten zu wenig Beachtung fänden. Gleichzeitig betont er, dass der Sozialstaat unverzichtbar ist, aber angesichts des demografischen Wandels reformiert werden muss.
Zentrale Aussagen
1. Der Sozialstaat wurde nicht „kaputtgespart“.
- Sozialausgaben und Sozialquote sind über Jahrzehnte gestiegen.
- Leistungen wurden kontinuierlich ausgeweitet (Pflegeversicherung, Kita-Rechtsanspruch, bessere Rentenleistungen).
- Die Behauptung eines Sozialabbaus hält Cremer für empirisch nicht belegbar.
2. Die Mittelschicht schrumpft nicht dauerhaft.
- Die Einkommensungleichheit nahm nach der Wiedervereinigung zunächst zu, stabilisierte sich aber seit Mitte der 2000er Jahre.
- Auch mittlere Einkommen verzeichneten reale Zuwächse.
- Reformen wie die Agenda 2010 und der Mindestlohn hätten dazu beigetragen.
3. Arbeit lohnt sich grundsätzlich.
- Einzelne Vergleiche zwischen Bürgergeld und Erwerbsarbeit seien irreführend.
- Durch Kindergeld, Kinderzuschlag und Wohngeld bestehe meist ein ausreichender finanzieller Abstand.
- Die meisten „Aufstocker“ arbeiten nicht Vollzeit, sondern in Teilzeit oder Minijobs.
4. Armutsquote bedeutet nicht absolute Armut.
- Die EU misst relative Einkommensarmut (unter 60 % des Medianeinkommens).
- Deshalb wird es selbst in wohlhabenden Staaten immer Menschen unter dieser Grenze geben.
- Die Armutsquote eigne sich daher nur eingeschränkt zur politischen Skandalisierung.
5. Der Sozialstaat ersetzt private Solidarität nicht vollständig.
- Ohne Sozialstaat wären viele Menschen unzureichend abgesichert.
- Gleichzeitig bleibt freiwilliges gesellschaftliches Engagement unverzichtbar.
Reformbedarf
Cremer sieht das eigentliche Problem weniger in zu geringen oder zu hohen Ausgaben als in fehlenden Prioritäten und ineffizienten Strukturen. Er nennt vier Reformfelder:
- verdeckte Armut abbauen, indem Anspruchsberechtigte Leistungen leichter erhalten,
- Arbeitsanreize verbessern, indem hohe Transferentzugsraten reduziert werden,
- Bürokratie abbauen und Verwaltung bürgerfreundlicher gestalten,
- stärker präventiv handeln und Menschen zur Eigenverantwortung befähigen.
Diskussion
In der anschließenden Fragerunde wurden insbesondere folgende Punkte diskutiert:
- Effizienz statt bloßer Höhe der Sozialausgaben,
- Reformerfahrungen skandinavischer Länder (insbesondere Flexicurity),
- Digitalisierung und bessere Datennutzung in der Verwaltung,
- mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt,
- stärkere Betonung von Eigenverantwortung im Bürgergeldsystem,
- gezielte Prävention und niedrigschwellige Hilfsangebote für benachteiligte Familien.
Fazit
Cremer wirbt für einen leistungsfähigen und finanziell nachhaltigen Sozialstaat, der weder romantisiert noch grundsätzlich infrage gestellt wird. Reformen sollten sich an empirischen Erkenntnissen orientieren und nicht an populären Mythen. Ziel sei ein Sozialstaat, der soziale Sicherheit gewährleistet, Eigenverantwortung stärkt und auch unter den Bedingungen des demografischen Wandels dauerhaft tragfähig bleibt.
