Vordenker der liberalen Moderne

Worum geht es bei diesem Projekt?

Freiheit verstehen, Vielfalt sichtbar machen.

Was bedeutet Liberalismus heute – in einer Welt voller Umbrüche, Krisen und Polarisierung? Was spricht dafür, der Freiheit des Individuums auch heute einen hohen Stellenwert einzuräumen? Ziel der geplanten Schriften­reihe ist es, die wichtigsten Denkgebäude und einschlä­gigen Argu­mente von Wissen­schaftlern und Intellek­tuellen des 20. und frühen 21. Jahr­hunderts zu sammeln, wissen­schaftlich einzu­ordnen und für eine breite Öffent­lichkeit zugänglich zu machen.

Die „Vordenker der liberalen Moderne“ stammen aus verschiedenen Fachdisziplinen, Regionen der Welt und Denktraditionen. Unsere Auswahl umfasst Klassiker des Liberalismus ebenso wie Autorinnen und Autoren, deren Schriften wenig bekannt sind oder bislang nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Vordenkerinnen und Vordenker sind Personen, deren Argumente entweder den Diskurs geprägt haben oder dabei helfen können, die zukünftigen Herausforderungen freier Gesellschaften zu meistern. Inhaltlich soll der Liberalismus in seiner ganzen Vielfalt dargestellt werden. Denn diese politische Philosophie bedeutet weit mehr als bloß eine marktwirtschaftliche Ordnung und Eigentumsrechte: Sie steht für individuelle Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus und eine wehrhafte Demokratie.

Angesichts der Rufe nach paternalistischen oder gar anti-demokratischen Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen gewinnt liberales Denken mehr denn je an Bedeutung. Die Schriftenreihe soll ein Verständnis für die Grundlagen des Liberalismus schaffen und Impulse liefern, wie liberale Ideen dazu beitragen können Antworten auf gegenwärtige Herausforderungen – etwa Klimakrise, Migration oder digitale Transformation – zu formulieren. Das Projekt leitet maßgeblich die Frage an: „Warum ist es heute noch lohnend (womöglich gerade heute), sich mit den diversen Vordenkerinnen und Vordenkern der liberalen Moderne auseinanderzusetzen?“

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Vordenker der liberalen Moderne

Die Soziale Marktwirtschaft als Gesellschaftsordnung seit Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack

Konferenz des Ludwig-Erhard-Forums für Wirtschaft und Gesellschaft und der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft, Berlin 15.–16. April 2026

Im Rahmen unserer „Schriftenreihe Vordenker der liberalen Moderne“ veranstalteten das Ludwig-Erhard-Forum für Wirtschaft und Gesellschaft sowie die Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft am 15. und 16. April 2026 eine gemeinsame Fachkonferenz in Berlin. Ziel der Veranstaltung war die Vorbereitung eines Sammelbands mit ausgewählten Texten von Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack. Im Zentrum standen sogenannte „Lektüreimpressionen“, in denen zentrale Schriften der beiden Autoren historisch eingeordnet, kommentiert und im Hinblick auf ihre Aufnahme in den geplanten Band diskutiert wurden. Zwei größere Referate rahmten das Programm und eröffneten Perspektiven auf die ideengeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft.

Bereits die Eröffnung durch Prof. Dr. Stefan Kolev (Ludwig-Erhard-Forum) und Prof. Dr. Nils Goldschmidt (Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft) machte deutlich, dass das Editionsprojekt nicht allein auf historische Rekonstruktion oder gar Hagiographie ihrer Gründerväter zielt. Vielmehr soll die Soziale Marktwirtschaft als offene, entwicklungsfähige Gesellschaftsordnung sichtbar werden, deren Grundfragen – Freiheit, Eigentum, Verantwortung, Wettbewerb und gesellschaftlicher Zusammenhalt – auch gegenwärtig nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

Arbeit, Eigentum und gesellschaftliche Teilhabe

Die erste Sitzung widmete sich Ludwig Erhards Rede „Der Arbeit einen Sinn geben!“ aus dem Jahr 1957. Ausgangspunkt der Diskussion war Erhards Diagnose, dass die Phase des materiellen Wiederaufbaus abgeschlossen sei und die Soziale Marktwirtschaft nun einer tieferen gesellschaftlichen und kulturellen Fundierung bedürfe. Eigentum erschien ihm dabei nicht allein als ökonomische Kategorie, sondern als Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe und individueller Würde.

In der Diskussion wurde mehrfach hervorgehoben, wie aktuell Erhards Fragen geblieben sind. Die Debatte über Kapitalkonzentration und wirtschaftliche Macht lasse sich heute auf digitale Plattformökonomien und KI-getriebene Marktstrukturen übertragen. Gleichzeitig wurde ein bemerkenswerter Gegensatz benannt: Während die Bundesrepublik der Nachkriegszeit von materiellem Mangel, aber gesellschaftlichem Optimismus geprägt gewesen sei, scheine heute trotz hohen Wohlstands ein wachsender gesellschaftlicher Pessimismus vorzuherrschen.

Besondere Aufmerksamkeit galt Erhards Verbindung von Würde, Eigentum und Freiheit. Mehrere Beiträge deuteten den Begriff des „Sinns“ als Weiterentwicklung des klassischen Ordo-Gedankens: Nicht allein die Ordnung der Märkte, sondern die kulturelle und moralische Einbettung wirtschaftlichen Handelns rückte in den Vordergrund. Auch das „Marketingproblem“ liberaler Ideen wurde diskutiert, insbesondere die Frage, wie die Soziale Marktwirtschaft ihre integrative Kraft angesichts gesellschaftlicher Gewinner- und Verlierererfahrungen plausibel vermitteln könne.

Soziale Irenik: Einheit ohne Uniformität

Ein theoretischer Schwerpunkt der Tagung lag auf dem gemeinsamen Referat von Prof. Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) und Prof. Dr. Armin Wildfeuer (Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen) zur „Sozialen Irenik“. Der von Alfred Müller-Armack erneuerte historische Begriff beschreibt den Versuch, in einer pluralistischen Gesellschaft gesellschaftliche Einheit ohne ideologische Gleichförmigkeit zu ermöglichen.

Armin Wildfeuer zeichnete zunächst die ideengeschichtlichen Wurzeln des Irenik-Begriffs nach, die bis in die frühneuzeitliche Ökumenebewegung zurückreichen. Namen wie Erasmus von Rotterdam, Georg Calixt oder Gottfried Wilhelm Leibniz markierten dabei eine Tradition des Ausgleichs und der Verständigung in früheren Epochen starker Polarisierung, und es ist diese Tradition, die Müller-Armack auf moderne Gesellschaften übertragen wollte. Im Zentrum seiner Konzeption stehe die „kritische Sondierung“ gesellschaftlicher Kräfte: Liberalismus, Protestantismus, Katholizismus und Sozialismus sollten weder absolut gesetzt noch vollständig relativiert, sondern in ein produktives Spannungsverhältnis gebracht werden.

Die Diskussion zeigte, dass die Soziale Irenik weit über eine bloße Theorie gesellschaftlicher Harmonie hinausgeht. Sie setzt auf Verfahren der Verständigung, auf argumentative Fairness und auf die Fähigkeit moderner Gesellschaften, Differenzen institutionell auszuhalten. Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung eines „irenischen Diskurses“ als Voraussetzung einer resilienten Demokratie.

Ursula Nothelle-Wildfeuer beleuchtete die Frage aus Perspektive der Katholischen Soziallehre. Müller-Armack habe von der katholischen Tradition insbesondere das Ordo-Konzept und die Vorstellung einer normativ geordneten Sozialwelt übernommen, zugleich aber deren ständisch-korporative Engführungen überwinden wollen. In der Diskussion wurde deutlich, dass die Spannung zwischen normativer Ordnung und gesellschaftlicher Offenheit bis heute zu den produktivsten und zugleich konfliktreichsten Elementen der Sozialen Marktwirtschaft gehört.

Geistige Voraussetzungen der Freiheit

Die anschließenden Lektüreimpressionen verdeutlichten, wie stark Müller-Armack wirtschaftliche Ordnung als kulturell und geistig voraussetzungsreich verstand. In seinem Text „Das Jahrhundert ohne Gott“, vorgestellt von Nils Goldschmidt,
diagnostizierte er eine Krise der Moderne, die aus Säkularisierung, Materialismus und dem Verlust religiöser Bindungskräfte hervorgehe. Freiheitliche Wirtschaftsordnungen, so die zentrale These, seien auf geistige Voraussetzungen angewiesen, die sie selbst nicht vollständig hervorbringen könnten – ein Gedanke, den die Ordoliberalen deutlich früher als das berühmte Böckenförde-Diktum formulierten.

Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass Müller-Armacks Denken damit über rein ökonomische Fragestellungen hinausreiche. Seine Vorstellung „geistiger Landschaften“ beschreibe den Zusammenhang zwischen kulturellen Leitbildern und wirtschaftlichen Ordnungen. Die Stabilität freiheitlicher Institutionen erscheine somit nicht allein als juristische oder ökonomische, sondern ebenso als kulturelle Aufgabe.

Mit Ludwig Erhards Rundfunkansprache „Der Neue Kurs“ von 1948, vorgestellt von Dr. Theo Bolin Simon (Universität Siegen), rückte anschließend die politische Kommunikationsstrategie der frühen Sozialen Marktwirtschaft in den Vordergrund. Diskutiert wurde insbesondere die besondere Form der Radiosprache, die zwischen politischer Führung, öffentlicher Erklärung und gesellschaftlicher Mobilisierung vermittelte. Die Rundfunkrede erschien dabei als Schlüsselmedium gerade bei der wirtschaftspolitischen Neuorientierung nach der Währungsreform im Juni 1948.

Erinnerungspolitik und intellektuelle Genealogien

Breiten Raum nahmen die beiden von Friedhelm Gross (Ludwig-Erhard-Forum) vorgestellten Gedenkreden Erhards zu Franz Oppenheimer und Wilhelm Röpke ein. Beide Texte wurden weniger als historische Rekonstruktionen denn als performative Selbstverortungen Erhards interpretiert.

In der Rede auf Franz Oppenheimer konstruierte Erhard eine geistige Traditionslinie von Oppenheimer über Walter Eucken bis hin zur Sozialen Marktwirtschaft. Die Diskussion machte jedoch deutlich, dass diese Aneignung selektiv blieb: Oppenheimers „liberaler Sozialismus“ und insbesondere seine Bodensperre-These wurden von Erhard weitgehend ausgeblendet. Ebenso auffällig erschien der zurückhaltende Umgang mit der nationalsozialistischen Verfolgungsgeschichte Oppenheimers.

Ähnliche Beobachtungen galten für die Gedenkrede auf Wilhelm Röpke. Erhard zeichnete Röpke als moralisch-politischen Charakter und verband dessen sozialphilosophische Positionen mit einer impliziten Kritik an zeitgenössischen wirtschaftspolitischen Entwicklungen der Bundesrepublik. Zugleich blieb auch hier die historische Darstellung der Vertreibung 1933 auffallend knapp. Diskutiert wurde darüber hinaus die Frage, wie problematische Aspekte von Röpkes Denken etwa seine Haltung zur südafrikanischen Apartheid heute in der kritischen Rezeption des Ordoliberalismus berücksichtigt werden müssten.

War Ludwig Erhard originell?

Der zweite Tag begann mit einem Referat von Dr. Melvin John (Universität Bonn) zur Frage nach Ludwig Erhards intellektueller Originalität aus rechtshistorischer Perspektive. Im Zentrum stand weniger die Suche nach vollständig neuen Ideen als vielmehr die Frage, worin Erhards spezifischer Beitrag zur intellektuellen Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft bestand.

Diskutiert wurden dabei sowohl biographische Aspekte, etwa Erhards Tätigkeit während der NS-Zeit oder seine Gutachten zur Währungsfrage, als auch seine wirtschaftstheoretischen Überzeugungen vor den Berührungspunkten mit den Ordoliberalen. Besonders hervorgehoben wurde Erhards Fokus auf Geld als Anspruch auf Konsumgüter und seine Betonung des Sparens als Voraussetzung produktiver Investitionen.

Die anschließende Diskussion kreiste um die Frage, ob Erhard über viele Jahre hinweg im Kern dieselben Argumente vertreten habe und wie stark seine Positionen bereits vor dem Nationalsozialismus ausgebildet gewesen seien. Zugleich wurde erneut die Bedeutung öffentlicher Kommunikation hervorgehoben: Die Radiosprache erschien mehrfach als ein zentrales Medium Erhard‘scher Politik.

Geistige Landschaften

Mit dem Vortrag „Die Entdeckung geistiger Landschaften“ vertiefte Prof. Dr. Gerhard Wegner (Universität Erfurt) die kultursoziologische Dimension im Denken Alfred Müller-Armacks. Im Mittelpunkt stand dessen These, dass wirtschaftliche Ordnungen auf geistige und kulturelle Voraussetzungen angewiesen seien. Aus der Verbindung von Glaubensgeschichte und Religionssoziologie entwickelte Müller-Armack die Vorstellung „geistiger Landschaften“, die prägen, welche Wirtschaftsformen gesellschaftlich tragfähig werden können. Wegner hob insbesondere hervor, dass Müller-Armack die fortschreitende Säkularisierung als Ursache von Materialismus, Nihilismus und Gemeinschaftsverlust deutete. Freiheitliche Wirtschaftsordnungen benötigten daher stabile Institutionen und kulturelle Bindekräfte als Gegengewicht. In der Diskussion wurde unter anderem nach dem Typus des „politischen Ökonomen“ gefragt sowie das Verhältnis von Müller-Armacks Denken zu neueren Deutungen der Entstehung der Sozialen Marktwirtschaft thematisiert.

Wettbewerb, Gesellschaftspolitik und Europa

Die abschließenden Lektüreimpressionen widmeten sich vor allem den Erweiterungen und Spannungen innerhalb der Sozialen Marktwirtschaft.

Große Zustimmung fand Ludwig Erhards Text „Zehn Thesen zur Verteidigung der Kartellverbotsgesetzgebung“, der von Prof. Dr. Ute Schmiel (Universität Duisburg-Essen) vorgestellt wurde. Er gilt als eines der klarsten Dokumente seines Wettbewerbsverständnisses. Dieser erschien hier nicht bloß als ökonomischer Mechanismus, sondern als Voraussetzung individueller und politischer Freiheit. Kartelle galten Erhard als Formen privater Planwirtschaft und damit als Gefährdung einer freiheitlichen Ordnung.

Alfred Müller-Armacks Text zur „zweiten Phase der Sozialen Marktwirtschaft“ verdeutlichte demgegenüber die programmatische Erweiterung des ordoliberalen Denkens in Richtung Gesellschaftspolitik. Raumordnung, Bildung und ökologische Fragen sollten nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung marktwirtschaftlicher Freiheit verstanden werden. Positiv hervorgehoben wurden dabei insbesondere der integrative Charakter des Konzepts sowie frühe Überlegungen zu Umweltfragen und gesellschaftlicher Verantwortung.

Kontrovers diskutiert wurde hingegen Erhards Konzept der „Formierten Gesellschaft“. Während einige Beiträge den kooperativen Charakter des Entwurfs betonten, wurde zugleich auf dessen mögliche korporatistische Tendenzen hingewiesen. Offen blieb insbesondere die Frage, welche Rolle Regeln und institutionelle Anreize in diesem Konzept spielen und in welcher Arbeitsteilung genau die Regelsetzung vonstattengehen soll.

Mit Alfred Müller-Armacks europapolitischen Erinnerungen rückte Prof. Michael Wohlgemuth (Universität Witten/Herdecke) schließlich den Konflikt zwischen zwei unterschiedlichen Europa-Konzeptionen in den Mittelpunkt: Adenauers stärker institutionell-politischer Ansatz stand Erhards funktional-ökonomischer Vision einer großen Freihandelszone gegenüber. Die Diskussion zeigte, wie aktuell die damaligen Konfliktlinien bis heute geblieben sind, etwa in der Debatte um Erweiterung und Vertiefung der Europäischen Union, unterschiedliche Geschwindigkeiten und variable Geometrie, „Klubs der Willigen“ für einzelne Integrationsprozesse etc.

Ausblick

Die Berliner Tagung machte deutlich, dass die Soziale Marktwirtschaft historisch nie ein abgeschlossenes oder rein ökonomisches Projekt war. Vielmehr verstanden sowohl Ludwig Erhard als auch Alfred Müller-Armack sie als Gesellschaftsordnung, die wirtschaftliche Freiheit mit kulturellen Voraussetzungen, moralischer Verantwortung und institutioneller Integration verbindet.

Gerade die Verbindung von Wettbewerb, Eigentum und gesellschaftlicher Teilhabe erwies sich dabei als wiederkehrendes Leitmotiv der Diskussionen. Zugleich zeigte sich, dass zentrale Fragen der Nachkriegszeit – wirtschaftliche Macht, gesellschaftliche Polarisierung, kulturelle Voraussetzungen der Freiheit und die Zukunft Europa – bis heute nichts von ihrer politischen Relevanz verloren haben.

Die Tagung verdeutlichte damit zugleich den Anspruch des Editionsprojekts „Vordenker der liberalen Moderne“: Die Texte Erhards und Müller-Armacks nicht allein historisch zu dokumentieren, sondern als Beiträge zu gegenwärtigen Debatten über die Ordnung der Freiheit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts neu lesbar zu machen.

Weitere Veranstaltungen zum Projekt finden Sie unter:
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